#misogynie

Unter Misogynie wird die Vorstellung verstanden, dass Frauen weniger wert als Männer und ihnen unterlegen seien. Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen (misos = Hass | gyne = Frau) und wird als ‚Frauenhass‘ oder ‚Frauenfeindlichkeit‘ übersetzt.

Damit verbunden ist häufig die Idee, dass Misogynie eine (krankhafte) Eigenschaft einzelner, extremer Menschen ist. Diese auch heute noch in Medizin und Psychologie vertretene Sicht wird inzwischen häufig weiter gefasst: Demnach beschreibt Misogynie zudem die strukturelle Entwertung oder Benachteiligung von Weiblichkeit, die nicht ausschließlich von Männern ausgeht und die tief in der Gesellschaft verankert ist. Das erleichtert das Verstehen von unbewusster und ungewollter Misogynie: „Menschen, die sich selbst in keiner Weise als frauenfeindlich und -verachtend oder gar als ‚Misogyne‘ verstehen, [können] situativ Frauen als Frauen abwerten, damit frauenfeindlich handeln oder Frauenfeindlichkeit zumindest befördern“ (Geier, 2020, 6).

 

Misogynie vs. Sexismus vs. Antifeminismus

Dieser Perspektive zufolge ist Misogynie ein Oberbegriff, unter den eine Reihe von Mechanismen fallen, die Geschlechter(-differenzen) nutzen, um soziale Ungleichheit herzustellen. Ob Sexismus Teil von Misogynie ist oder umgekehrt, darüber gibt es keine allgemeine Einigung. Stattdessen werden die Bezeichnungen ‚Sexismus‘, ‚Misogynie‘ und z.T. auch ‚Antifeminismus‘ je nach Länderkontext häufig synonym verwendet. In der Praxis gehen sie ohnehin ineinander über, ihre sprachliche Differenzierung dient vor allem analytischen Zwecken. Amlinger und Schmincke halten fest, dass eine misogyne Haltung oft Voraussetzung antifeministischer Aktionen sei, beides aber auch parallel wirken könne.

Einen Versuch der Unterscheidung zwischen Sexismus und Misogynie hat Kate Manne unternommen. Sie sagt, Sexismus liefere die theoretische Basis, aufgrund derer Misogynie praktisch zur Anwendung kommen könne.

 

Funktion

Zentral nach Manne ist die Idee, dass Frauen als gebende Menschen gesehen werden, Männer als nehmende. „In dieser Ökonomie moralischer Güter sind Frauen verpflichtet, dem Mann etwas zu geben, aber nichts zu verlangen“ (Manne, 2020, 61), woraus eine Anspruchshaltung von Männern gegenüber Frauen resultiere. Diese gelte es zu erfüllen, um nicht Opfer von strafender Misogynie zu werden. Misogynie erfüllt hier den Zweck der sozialen Kontrolle von Frauen. Sie ist ein Instrument der Maßregelung, um dieses System von Geben und Nehmen zu gewährleisten.

Aus diesem Grund beinhaltet Misogynie auch ein Festhalten an Geschlechtsbinarität. Nur in einer patriarchalen Gesellschaft mit klar definierten Rollen kann diese Über- und Unterordnung Bestand haben. Zentral ist geschlechtsspezifische Rollenkonformität.

 

Wirkungsweise | „Gewöhne dich daran, dann wird es dir gut gehen“

Die Idealisierung und Verehrung von Frauen kann hierbei als eine Seite der Medaille gesehen werden, auf deren Rückseite sich Frauenfeindlichkeit verbirgt: „Männliche Herrschaft bedient sich so seit jeher verschiedener Mittel zu ihrer Durchsetzung: Anerkennung und Lob für ein angeblich ‚weibliches‘ Verhalten, das als sozial angemessen gilt, ist ebenso Teil einer Strategie der Machterhaltung wie Abwertung, Repression und Sanktionierung oder deren Androhung bei angeblich ‚unweiblichem‘ Verhalten und Verstoß gegen geschlechtsspezifische Erwartungen“ (Geier, 2020, 15). Misogynie dient als Platzverweis für Frauen und kann die treffen, die sich widersetzen, aber auch jede Andere, die als Stellvertreterin herhalten muss.

Die Inhalte der Normen und Mechanismen der Durchsetzung variieren dabei je nach sozialer Stellung der Frau. Überproportionale Nachteile tragen am wenigsten privilegierte Frauen davon, z. B. dicke Frauen.

 

Ausdrucksformen | „Wer ist diese Bitch, die glaubt, sie wüsste alles?“

Misogynie tritt dabei in sehr unterschiedlicher Art auf, was dazu beiträgt, sie schwerer fassbar zu machen. Sie kann sich ausdrücken in Form von verbaler Abwertung und Geringschätzung von Frauen, in der übermäßigen Sympathie für und Sorge um männliche Täter bei gleichzeitiger Schuldsuche bei weiblichen Opfern, in der Praxis von Pick-Up-Artists, der Existenz von Rape-Culture, Maskulinismus, Incels, gewaltsamen Übergriffen und Angriffen auf Frauen bis hin zu ihrer Ermordung oder auch Terroranschlägen. Misogynie ist „herablassend, mansplainend, moralisierend, vorwurfsvoll, strafend, sexualisierend, herabsetzend, karikaturistisch, ausbeuterisch, auslöschend und dezidierte Gleichgültigkeit bekundend“ (Manne, 2020, 72).

Sie kann die beleidigende Herabsetzung von Frauen mit Kindern (Infantilisierung), Tieren oder Dingen sein, das „Verspotten, Demütigen, Verhöhnen, Beschimpfen, Verunglimpfen, Dämonisieren, Sexualisieren, […] Entsexualisieren, Mundtotmachen, Meiden, Beschämen, Tadeln, Bevormunden, Erniedrigen“ (Manne, 2020, 128) ebenso wie das Niedermachen und Aussprechen von Drohungen gegenüber Frauen.

Weiterlernen:

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Literatur:

Amlinger, Fabienne: Von weiblichem Schachsinn, Blaustrümpfen und Frauen als Knalleffekt – die lange Tradition des Antifeminismus. In: genderstudies (27), S. 2-4.

Geier, Andrea (2020): Logik und Funktion von Misogynie. Probleme und Perspektiven. In: Ethik und Gesellschaft (2), S. 1-30.

Manne, Kate (2020): Down Girl. Die Logik der Misogynie. Berlin: suhrkamp taschenbuch wissenschaft.

Schmincke, Imke (2018): Frauenfeindlich, sexistisch, antifeministisch? Begriffe und Phänomene bis zum aktuellen Antigenderismus. bpb. Online unter: https://bit.ly/3UBjkCX, Zugriff am 06.12.2022.

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